Prometheus, Beethoven und die Liebe zur Musik

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Von Peter Helmes

Sozialer Kitt: Musik verbindet – Kent Nagano schreibt an Beethoven

Musik ist Kommunikationsmittel und sozialer Kitt – und immer auch eng verbunden mit Spiritualität. Viele Weltreligionen und mythische Erzählungen schreiben Musik einen göttlichen Ursprung zu (z. B. „Freude, schöner Götterfunke“):

„Freude, schöner Götterfunken, Tochter aus Elisium,

Wir betreten feuertrunken Himmlische, dein Heiligthum.“

Schon in der Antike galt Musik als Geschenk des Gottes Apoll an die Menschen. Musik, Kunst und Kreativität beweisen sich immer von neuem als eine Grundeigenschaft des Homo sapiens. Und eine sehr wesentliche Eigenschaft kommt hinzu: Musik verbindet.

Man kann Musik spielen oder hören, z. B. um Konflikte zu lösen, um Kulturerbe zu erhalten oder einfach, um (inneren) Freiraum zu schaffen. Musik ist viel mehr als nur ein schöner Zeitvertreib. Musik kann Balsam für die Seele sein, aber auch die geistige undsoziale Entwicklung von Kindern fördern. Selbst Erwachsene können vom Musizieren profitieren – es mobilisiert das Gehirn und produziert Glückshormone.

Musik kann Emotionen auslösen, kann beim Zuhörer Gänsehaut verursachen.

Außerdem verbindet sich Musik manchmal mit persönlichen Ereignissen. Wird sie wieder gehört, dann kommen auch die Erinnerungen an erlebte Situationen wieder, genauso wie dabei empfundene Gefühle.

Die Wirkung von Musik auf den Menschen läßt sich nicht verleugnen. Doch abgesehen vom subjektiven Glücksgefühl, welches zum Beispiel durch sein Lieblingsmusikstück ausgelöst werden kann, lassen sich auch objektiv meßbare physiologische Veränderungen feststellen. Musik hat einen großen Einfluß auf die körperliche Befindlichkeit und wirkt auf die Körperrhythmen, also auf die Herzfrequenz und die Intensität des Pulsschlags. Dadurch steuert Musik den Blutdruck und somit auch die Gehirnaktivität. So reicht ein Weihnachtslied oft aus, um jemanden in Weihnachtsstimmung zu versetzen.

In diesem Zusammenhang funktioniert Musik wie eine Art Sprache, in der bestimmte Ereignisse kodiert sind. Das zeigt sich besonders deutlich bei Filmmusik, zum Beispiel Horror- oder Spannungsmusik.

„Musik ist relativ interpretationsoffen. Es ist kein konkretes Medium, aber es ist ein feierliches und ein der Sprache entfremdetes Medium. Das macht vielleicht gerade dieses Ungefähre und Glaubensähnliche der Musik aus.“ (Eckart Altenmüller, Neurologe und Musiker)

Musik sei in den Religionen allerdings nicht unumstritten. Im Islam gebe es einerseits sehr strenge Lager, die Musikausübung strikt ablehnen, während im Sufismus gerade Musik und Tanz den Weg zur Spiritualität eröffnen. Auch im Christentum gab es lange Zeit Bestrebungen, den Einfluß der Musik zurückzuschrauben, sagt Altenmüller. Nicht so jedoch bei Martin Luther:

„Luther hat ganz explizit die Musik genutzt, um den Glauben zu stärken und vor allem natürlich auch mit seinen phantastischen Liedern die Gedächtnisbildung beim Menschen anzusteuern. Es ist ja so, daß Singen auch der Gedächtnisbildung förderlich ist.“

Altenmüller weiter: Im Laufe der Evolution habe Musik eine wichtige Rolle dabei gespielt, Zugehörigkeit und Identität zu stiften:

„Musik war ein wunderbares Mittel, um Gruppen zu organisieren, Arbeitsteilung zu organisieren, Gruppen zu synchronisieren. Gleichzeitig war es aber auch eine Möglichkeit, um mit dem Problem fertig zu werden, daß wir endlich sind (…) Im Zen Buddhismus treten Mönche mit den Tönen ihrer Bambusflöte in Kontakt mit verstorbenen Familienangehörigen. Und auch europäische Komponisten haben die transzendente Kraft der Musik in ihren Werken heraufbeschworen.“

Musik ist Gottesdienst

„Bei Richard Wagner ist die Musik und auch das Bühnenwerk eine Art von Parallel-Gottesdienst, der in Bayreuth auf dem Grünen Hügel inszeniert wurde und heute auch zum Teil noch inszeniert wird. Oder wenn Sie die Lukas-Passion von Penderecki anschauen, dahinter steht der Glaube, dass Musik mehr für uns bedeutet als nur ein akustisches Phänomen. In Momenten, wo ich starke Emotionen habe, Gänsehautgefühle, wenn wunderbare Stimmen erklingen, dann habe ich schon das Gefühl, dass ich da in einer anderen Welt schwebe. Der Himmel kommt zwar nicht unbedingt zu mir, aber ich komme vielleicht dabei auch in den Himmel.“

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Warum habe ich diese Gedanken vorangestellt?

In unserer schnellebigen, hektischen Zeit scheint uns die Muße abhandengekommen zu sein. Wir haben keine Zeit mehr für Dinge, die scheinbar nebensächlich sind, oder für Dinge, mit denen wir kein Geld verdienen. Dabei verlieren wir das Gefühl dafür, was unserem Körper, unserem Geist und unserer Seele guttut. Alles scheint überlagert vom Kommerz, vom Streben nach Leistung und Geld. Daß wir unser Ich aber auch belohnen müssen für all die täglichen Mühen, vernachlässigen wir sträflich.

Halten wir doch bitte einmal inne und bemühen uns, in uns hineinzuhorchen. Diese Kunst scheint zwar ausgestorben, aber wir können sie wieder aufleben lassen. Eine erfolgversprechende Therapie bietet dabei gerade die Musik.

Lesen Sie bitte, was der international berühmte Dirigent Kent Nagano in seinem großartigen Brief an Ludwig van Beethoven vor zwei Tagen schrieb:

Brief an Beethoven – oder: „Sie sind ein Prometheus, der uns Menschen Feuer gibt“

In seinem Brief an Beethoven, abgedruckt im DlF, versetzt sich Dirigent Kent Nagano zurück in das Hamburg zu Zeiten des Komponisten – und zieht viele Parallelen zur aktuellen Zeit.

Was für Nagano schon damals sicher scheint: „Ihre Stimme wird noch lange Zeit unseren Nachkommen in den Herzen klingen.“

7. September 1825,

Euer Wohlgeboren, hochverehrter Meister, Monsieur Compositeur!

Gestatten Sie mir, auf Empfehlung des hochgeschätzten Kollegen Louis Spohr, dass ich mit einer Bitte mich an Sie zu wenden wage. Ich selbst bin Kapellmeister des Orchesters der Gänsemarkt-Oper in der Hansestadt Hamburg.

Wir bedienen eine freiheitlich und fortschrittlich gesinnte, zugegeben dem ökonomischen Denken engstens verbundene bürgerliche Öffentlichkeit.

„Die Musikliebhaber Hamburgs schätzen die Musik aus Ihrer Feder“

Wir planen und würden sehr gerne ihre erst kürzlich in Wien aufgeführte neueste Symphonie aufführen, die ja für mächtig Furore gesorgt hat. Man spricht sehr viel darüber, in allen größeren Städten in unseren deutschen Landen wie eben auch hier bei uns im Norden.

Überhaupt, ihre Person und Ihre Musik, die Sie uns geschenkt haben, sind in privaten und öffentlichen Kreisen sehr viel im Gespräch. Unsere Musikkenner, aber auch die Musikliebhaber Hamburgs, schätzen die Musik aus Ihrer Feder, egal, ob Klaviervariationen und -sonaten, ob Kammermusik oder eben Ihre Symphonien.

Diese möchten wir demnächst allesamt als Zyklus in einer festlichen musikalischen Feier zu Ihren Ehren aufführen. Schon daraus können Sie entnehmen, wie die musikalische Stimmungslage hier an den Ufern der Elbe ist. Seit die Franzosen vor einiger Zeit unsere Stadt verlassen haben, hat sich hier so manches verändert und ist vieles in Schwung gekommen, auch wenn vielfach zur Belastung der Bürger.

Da sind zum Beispiel die vielen Migranten, die von unserem Hafen aus nach Amerika wollen, getrieben vor allem von wirtschaftlicher Not überall in Europa, oder auch aus Gründen der Religion. Der Umgang mit ihnen, wenn sie längere Zeit zum Bleiben verurteilt sind, ist nicht immer angenehm für die Einheimischen. Immer wieder lauern Cholera und Seuchen im Dunkel unseres Gängeviertels, und das nimmt uns viel von unserer Freude am Leben.

Wir haben Wohnungsnot, da immer mehr Leute von Außen kommen, um in den neuen Fabrikbetrieben Arbeit zu finden. Auch die Wanderarbeiter bereiten Probleme. Sie können sich vorstellen, welche hygienischen Verhältnisse hier herrschen.

Aber auch die Ausbreitung bestimmter politischer und sozialer Gesinnungen macht dem Bürgertum hier zu schaffen.

„Ihre Stimme wird noch lange Zeit unseren Nachkommen in den Herzen klingen“

Doch im Gegenzug zeigt Hamburg auch viel neuen Gestaltungswillen. Überall wird von Reformen gesprochen, überall gründen sich Vereine und Gesellschaften, die sich den neuen sozialen Herausforderungen stellen. Überall Sozietäten, welche die Ausprägung einer neuen Gesellschaft und deren Strukturen im Blick haben. Dazu gehört auch im weitesten Sinne eine „Philharmonische Gesellschaft“, die hier wie ähnlich andernorts in deutschen Städten in den Köpfen spukt. Diese Gesellschaft soll darauf angelegt sein, der musikalischen Kultur unserer Stadt ein Gesicht, ein Hamburger Gesicht zu geben.

Eigentlich brauche ich es Ihnen nicht zu sagen, aber Ihre Stimme, hochgeschätzter Meister der Tonkunst, ist in diesem Zusammenhang die stärkste Stimme, nicht nur hierzulande, sondern in ganz Europa; und so von Energie geladen ist sie und zugleich allen menschlichen Stimmungen offen. Diese Ihre Stimme wird noch lange Zeit unseren Nachkommen in den Herzen klingen, um über Krisen und Katastrophen hinwegzukommen und den Glauben an bessere Verhältnisse nicht verlieren zu müssen.

„Ihr ganzes musikalisches Schaffen hören wir als Zeichen der Hoffnung“

Hochverehrter Meister! Wir wollen die Gründung unserer „Philharmonischen Gesellschaft“ als ein großes und für unsere Nachwelt von äußerster Bedeutung bleibendes Ereignis feiern. Wir Menschen brauchen Zuversicht angesichts der Schönheit und Sinnenhaftigkeit der Musik und der Künste; wir müssen den Blick wagen in die Zukunft von Welt und Mensch.

Und genau das ist es, was Ihre musikalischen Schöpfungen ausmacht und diese uns eine Lebensstütze und Hilfe sein lässt. Sie sind ein Prometheus, der uns Menschen Feuer gibt und die Schmiede für neue Gestaltungen vorbereitet.

Ihr ganzes musikalisches Schaffen hören wir als Zeichen der Hoffnung und eines Aufbruchs, aber eben auch einer Kampfbereitschaft, die Grenzen sprengt, so wie Sie es in Ihrer letzten Symphonie gemacht haben, wo Sie vor allem im Finalsatz alle Register eines vielstimmigen und trotzdem der Harmonie verpflichteten Appells ziehen. Gewaltig, was sie da zur Sprache bringen!

Sie sagen „Nein“ zur Restaurierung von alten gesellschaftlichen Verhältnissen; Sie sagen „Ja“ zu Würde und Freiheit des Menschen, und vor allem als Basis dafür, zu Bildung und Glauben an Herz und Vernunft des Menschen. Wir brauchen Zukunft, wir brauchen „Weitergehen“, das sei der Sinn der Schöpfung – so haben Sie selbst einmal gesagt, wie ich als Zitat es gelesen habe.

Ihr Werk enthält diesen Gedanken in einer Sprache, die jeder von uns, die alle Menschen verstehen. Es ist I h r e musikalische Sprache, in der w i r uns wiedererkennen, es ist unsere musikalische Sprache!

Hätten Sie Muße und Zeit, wären Sie uns gewogen, sind Sie gesund und wären bereit, uns die unschätzbare Ehre zu geben, ein Stück Musik von Ihnen zur festlichen Aufführung und zur Erinnerung an Ihre schöpferische Kraft zu erhalten?

Ihr ergebenster Kent Nagano

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*) Kent Nagano Kent Nagano, Geboren: 22. Nov. 1951, Berkeley, Kalifornien, ist ein US-amerikanischer Dirigent mit japanischen Wurzeln. Kent Nagano wuchs in Morro Bay, Kalifornien auf. Sein Vater George Kimiyoshi war Architekt und Mathematiker, seine Mutter Ruth Okamoto war Mikrobiologin und Pianistin. Beide hatten an der University of California, Berkeley studiert. Naganos Großeltern väterlicherseits waren 1917 von Japan nach Kalifornien ausgewandert. (Wikipedia)

www.conservo.wordpress.com      15.10.2020
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