Grünes Damen-Gambit

(www.conservo.wordpress.com)

Von DR.PHIL.MEHRENS

Scheint sinnig, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons

Annalena Baerbock hat sich als Kanzlerkandidatin gegen Robert Habeck durchgesetzt. Geht nicht Markus Söder für die Union ins Rennen, kommen auf Deutschland schwere Zeiten zu.

Viele wollten es nicht wahrhaben, aber nicht wenige haben es auch genau so kommen sehen: Der Kanzlerkandidat der Grünen ist eine Frau! Wer mit wachen und kritischen Augen durchs Leben geht, der wird über die am Montag verkündete Nominierung nicht überrascht sein. Er wird sie vielmehr als logischen vorläufigen Höhepunkt einer Entwicklung ansehen, die lange und durchaus akribisch vorbereitet wurde.

Die Bahn ist schon lange geebnet für Annalena Baerbock. Die Regierungspartei SPD hat ihren Teil beigesteuert, indem sie Teile der grünen Agenda kopierte und mit Krippenkönigin Franzi Giffey für Verhältnisse sorgte, in denen selbst kleinste Kinder gleich in die Krippe abgeschoben werden können, damit alle Mütter ihren vorrangigen beruflichen Verpflichtungen nachkommen können, selbst wenn sie Bundeskanzlerin sind. Bereitet wurde das Feld für Annalena Baerbock auch von den Medien.

Mustergültig ist die Entwicklung beim Auslandskorrespondenten-Flaggschiff der ARD, dem „Weltspiegel“ am Sonntagabend, dessen Redaktion zuletzt ihre Themen nicht mehr primär nach Aktualität, sondern nach Klimaschutz- und Frauenrechtsrelevanz ausgewählt zu haben scheint, als lebten wir noch im Zeitalter der Suffragetten.

Die massive Zunahme feminismusfreundlicher oder frauenrechtsaffiner Beiträge in den großen Sendeformaten nicht nur der öffentlich-rechtlichen Manipulationsgiganten, sondern auch ihrer Epigonen von Bertelsmann (RTL) und Prosieben-Sat.1 wirkt in ihrer obsessiven Penetranz wie ein Türöffner für eine linke Bundeskanzlerin, wie die Ouvertüre zum triumphalen Einzug einer grünen Gewinnerin.

Die nicht zuletzt auf diesem Portal beklagte und belegte Grünifizierung der Leitmedien ist längst jedem, der es wissen will, bekannt und findet in der selbstgewählten sprachlichen Gleichschaltung, im Zuge welcher landauf, landab seit ein paar Monaten jedes männliche Nomen um sein redundantes weibliches Pendant erweitert wird, seinen vielsagendsten Ausdruck.

Denn die Sprachpanscherei wird mit einer (virtuellen) Linksregimetreue umgesetzt, als sei andernfalls zu befürchten, die allmächtige Göttin Femina, die über das Rechttun ihrer medialen Untertanen wacht, würde Feuer und Schwefel vom Himmel regnen lassen. Das hätte in Pandemie-Zeiten gerade noch gefehlt!

Da die feministische Obsession beileibe keine Erfindung deutscher Leitmedien ist, findet sie als multinationales Krebsgeschwür längst ihre Entsprechung bei den globalen Internetriesen – von Airbnb über Netflix bis hin zu facebook und Twitter, die sich politisch unziemlich gebärdende Nutzer gern auch mal kaltstellen.

Damengambit

Eine der gegenwärtig erfolgreichsten Netflix-Serien ist „Damen-Gambit“, ein Pars-pro-toto für die oben skizzierte Tendenz: Die Schauspielerin Anya Taylor-Joy spielt darin eine hochbegabte junge Frau, die sich in der Welt der Schachweltmeister behauptet, und zwar (das ist der kleine Unterschied zu heute) in einer Zeit, in der Frauen eher hinterm Herd anzutreffen waren und sich dort auch wohlfühlten.

Damit wären wir wieder bei den Grünen: Damen-Gambit nennt man im Schach eine Spieleröffnung, von der der Spieler sich einen Vorteil erhofft. Dafür ist er bereit, falls nötig, den Damenbauern zu opfern, weswegen die deutsche Bezeichnung für Gambit auch Bauernopfer lautet. Nun ist es natürlich nicht ganz richtig, Robert Habeck als Bauern zu bezeichnen. Denn der Grünen-Politiker war zwar mal Landwirtschaftsminister in Schleswig-Holstein, aber was heißt das schon! Von Beruf ist er wie viele seiner Parteikollegen Politliterat.

Kein Bauer, aber ein Opfer? Eher ergibt es wohl Sinn, sich, frei nach Albert Camus, Robert Habeck als einen glücklichen Menschen vorzustellen, einen, der sich jederzeit gerne opfert für eine – wie immer bei den Grünen – richtige und gute Sache. Der Mann mit den hohen Zustimmungswerten bei Frauen und der größeren Popularität beim Wähler bedient bei öffentlichen Auftritten zwar gern konventionelle Linkenrhetorik und wird beim Thema AfD auch mal ausfallend, aber – das muss anerkannt werden – er hat sich in seiner politischen Laufbahn nicht nur als integer inszeniert, sondern auch dafür gesorgt, dass dieses Bild mit Fakten unterfüttert wurde.

Er hat sich unliebsamen Debatten gestellt und damit den Ruf des guten Gewissens der Grünen erarbeitet. Nur: So einem Ruf kann man natürlich auch zum Opfer fallen. Und deshalb darf man wohl unterstellen, dass Habeck, als seine Rivalin um die – mit stark zunehmendem Einfluss auf den politischen Gegenwartsdiskurs und die öffentliche Meinung verbundene – Kanzlerkandidatur die Dame ins Spiel brachte, die Segel streichen musste.

„Die Dame? Welche Dame?“, mag da mit Blick auf das antibourgeoise Selbstverständnis der Grünen und ihre Abneigung gegen alles, was „von gestern“ ist, mancher protestieren. Sagen wir also lieber, dass Annalena Baerbock sich selbst im Dialog mit ihrem Co-Vorsitzenden in ihrer Eigenschaft als Person mit zwei X-Chromosomen (noch wird das ja sogar bei den Grünen als Kriterium anerkannt) positionierte, etwa mit den Worten: „Robert, wir Grüne dürfen nicht immer nur von Gleichberechtigung reden. Wenn’s zur Sache geht, müssen wir Gleichberechtigung auch leben.“ Hinzu wird sie gefügt haben: „Wir müssen als Grüne ja schließlich authentisch bleiben.“

Und was hätte Robert Habeck, der stets beflissen um Authentizität Bemühte, denn darauf antworten sollen, wenn nicht: „Annalena, du hast recht“? Er hätte sich ja sonst als wortbrüchiger und wendehalsiger Söder-Grüner verspotten lassen müssen, der Wasser predigt und Wein säuft. Nein, ein Robert Habeck, der sich morgens im Spiegel anschauen und weiterhin sagen können möchte: „Recht so, du guter und gerechter Robert“, hätte damit nicht leben können – und die Konsequenzen gezogen. Man muss somit zerknirscht zugeben: Das Damen-Gambit der Grünen, geräuschlos und gleichwohl dank äußerer Umstände als schreiender Kontrast zum parallel ausgetragenen Machtkampf in der Union vollzogen, ist ein geschickter Schachzug.

Allerdings führt nicht jedes Damen-Gambit zum Sieg. Die Sache kann auch nach hinten losgehen. Dafür hätten die schwarzen Figuren auf dem Schachbrett die Chance zu einen klassischen Lagerwahlkampf ergreifen müssen, einem Spitzenduell, in dem die Union gegen die auf den ersten Blick rhetorisch pfiffige, auf den zweiten freilich nur in Parteikadersprech und linker Phrasendrescherei geübte Baerbock einen maskulinen Macho auflaufen lässt, den die grüne Frontfrau bis zur Wahl so hassen lernt, dass sie sich am Ende mit ihm keine Koalition mehr vorstellen kann.

Wenn alle Stricke reißen, springen Annalena ihre Freunde, die Kobolde, bei.
Quelle: Illustration von George Cruickshank zur englischen Ausgabe “Die Wichtelmänner” der Gebrüder Grimm

Diesen Albtraum des linken CDU-Parteiestablishments – das Platzen der schwarzgrünen Knabenwolkenblütenträume – zu verhindern war das Hauptanliegen des mehrheitlich von Merkel-Lakaien dominierten CDU-Präsidiums in den letzten Tagen. Denn die Partei klebt an der Macht wie Kaugummi an der Schuhsohle. Wie schön, ja wie not-wendig wäre die Aussicht auf einen neuen Kurs für unser Land, in dem viele von einer Bundeskanzlerin, von „weiblicher“ Politik mit ihrem Mangel an Entschlusskraft und klarer Kante, die Nase gestrichen voll haben!

Die Union hätte dazu nur tun müssen, was SPD und Grüne vorgemacht haben: ab und an mal auf den Willen der Parteibasis hören. Doch wie schon im Januar haben die Merkel-Speichellecker im Präsidium genau das verhindert. Mit Laschet als Kanzlerkandidaten der Union und Baerbock als Kandidatin der Bündnisgrünen hat der bundesdeutsche Wähler im Herbst nur noch die Wahl zwischen Pest und Cholera. Einziger Trost: Bis zur Wahl kann noch viel Unvorhersehbares passieren.

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