Volk, Staat und Staatsform: Mit brennender Sorge

Adler„Wer die Rasse oder das Volk, den Staat oder die Staatsform… zur höchsten Norm aller Werte macht und sie mit Götzenkult vergöttert, der verkehrt und verfälscht die gottgeschaffene und gottbefohlene Ordnung der Dinge.“ So die vielzitierte Pfingstenzyklika „Mit brennender Sorge“ von Papst Pius XI vom 31. März 1937. Ähnlich argumentierte auf evangelischer Seite schon die „Bekennende Kirche“ in der Barmer Theologischen Erklärung vom 29. bis 31. Mai 1934. Beispielsweise in der 3. These „Wir verwerfen die falsche Lehre, als dürfe die Kirche die Gestalt ihrer Botschaft und ihrer Ordnung ihrem Belieben oder dem Wechsel der jeweils herrschenden weltanschaulichen und politischen Überzeugungen überlassen.“

Natürlich meinten beide Kirchen den Nationalsozialismus, speziell der Papst die Rassentheorie. Liest man den entscheidenden Satz der Enzyklika genauer, so fallen neben der Vergöttlichung der Rasse aber auch noch der Götzendienst an Volk, Staat und Staatsform unter das kirchliche Verdikt. Über die nationalsozialistische Rassenlehre ist mittlerweile der Vorhang der Geschichte niedergegangen, doch wie steht es mit der zur höchsten Norm erhobenen Stellung der drei anderen Werte, dem Volk, dem Staat und der Staatsform? Die Tendenz ihres Götzenkultes hat sich mittlerweile gewandelt, ist aber in dieser nun veränderten Form nach wie vor virulent.

Priorität Volk

Volk: Dem tatsächlichen oder vermeintlichen Willen des Volkes wird absolute Priorität eingeräumt. Alle Macht geht vom Volk aus, wird landauf landab verkündet. Ihm wird nach dem Mund geredet, es wird umschmeichelt und demagogisch manipuliert. Die Verantwortlichen haben das Volk nicht mehr zu erziehen und zu leiten, vielmehr wird es mit wohlfahrtsstaatlichen Labsalen auf Kredit und zulasten der späteren Generationen bestochen, ja zu einem maßlosen Anspruchsdenken ermuntert und angehalten. Gedanken Gottes sind diese Völker keine mehr. Dass aus diesem Verständnis heraus das Volk heute zum Pöbel gemacht und seine Meinung als „vulgus mobile“, schwankende Masse, behandelt wird, ist der Fluch des bösen Götzenkultes.

„Moderner“ Staat

Staat: Der Rechtspositivismus macht den „modernen“ Staat und seine Institutionen zu Wachs in den Händen der Mächtigen. Gelingt es, den scheinbaren Souverän, das Volk, auf die eigene Seite zu ziehen, so stehen kein Ethos, keine Sitte und keine Tradition mehr über ihr. Die staatlichen Einrichtungen wurden zu Werkzeugen egoistischer Interessen oder ideologischer Utopien. Der durch kein Naturrecht überhöhte und gebremste Staat wird zum Räuber oder Verbrecher. In kulturell hochentwickelten Ländern standen die Sitten über den Gesetzen, im rechtspositivistischen Staat der Gegenwart vergewaltigen die Gesetze die Moral.

Staatsform keine Ersatzreligion

Staatsform: Keine Staatsform verdient es, zu einer Ersatzreligion erhoben zu werden. Gegenwärtig wird eine der Organisationsformen der Macht, die repräsentative Demokratie, sogar offiziell zur „Zivilreligion“ erklärt. Ohne höhere Legitimierung genügt sie sich selbst und erklärt sich aus sich selbst heraus. Ihre Berufung auf den demagogisch manipulierten Pöbel macht die repräsentative Demokratie zur Ochlokratie. Natürlich und in Übereinstimmung mit allen soziologischen Erfahrungen herrscht tatsächlich eine in mehr oder weniger verschiedenen Fraktionen untergliederte Oligarchie. In Wahrheit entpuppt sich der Götze der heutigen Staatsform als ochlokratisch legitimierte Oligarchie, die nach jeder Wahl ihre Wiederbestätigung feiern darf. Edlere und qualifizierte Gemüter meiden daher die Politik, wodurch diese sachlich unfähigen Demagogen überantwortet wird.

„Mit brennender Sorge“ sieht jeder verantwortungsbewusste und einigermaßen gebildete Mensch die Entgleisungen auch der heutigen politischen und geistigen Entwicklung. Nicht zuletzt die Kirchen wären wieder aufgerufen, ihren früheren Mut abermals zu entdecken.

(Dr. Wolfgang Caspart an Peter Helmes, 21.12.2014: Fakten 7-8/13, Seebarn 2013, S. 14)

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