Im Flachwasser öffentlicher Kommunikation – Das Beispiel Anne Will

(www.conservo.wordpress.com)

Von Hans-Rolf Vetter*

Ohnmachtsgefühle

Als wenn man nicht schon genug mit dem alltäglichen Wahnsinn in Zeiten der Covid-19-Einschränkungen zu tun hätte, sieht man auch noch am Sonntagabend „Anne Will“. Warum tut man sich das an und bringt sich vollends aus der Fassung? Diese Frage ist nicht nur mehr als berechtigt, sie könnte auf einen psychischen Defekt hinweisen, der einem bereits zu Gretas besten Zeiten infiziert hat. Oder die ÖRM wirken eben doch derart übermächtig auf die eigene Denkstruktur – schon Hans Kilian hat in den frühen 1970er Jahren von dem „enteigneten Bewusstsein“ gesprochen – aber dies möchte man sich als „kritischer Bürger“ nun mal nicht eingestehen? Wie auch immer!

Es könnte sich aber genauso gut – so möchte man sich selbst wenigstens einiger Maßen entlasten – um die letzten Reste eines seriösen oppositionellen Kritikansatzes gegenüber den öffentlich-rechtlichen Medien handeln. Und das bedeutet nun mal: Man muss den Gegner ausgiebig studieren, ja, kennen, wenn man denn überhaupt weiterhin eine kleine Chance für eine erfolgreiche Gegenöffentlichkeit behalten möchte.

Die zur offenen Feindschaft angewachsenen Gefühle – dazu bekenne ich mich inzwischen – sollten auf keinen Fall von Ignoranz und Vorurteilen diktiert werden. (Dass sich diese Offenheit mehr und mehr als intellektuelle „Falle“ herausstellen könnte, indem man sich von dem ausgesendeten Grün-Rot-Sprech der Merkel-hörigen Volksempfänger, der Fake-Wills und insbesondere der Kommunikations-Mielkes wie Restle auch noch die letzten Reste einer von der öffentlich-rechtlichen Toxik durchdrungenen Aufmerksamkeit rauben lässt, dazu später einmal mehr.)

Zunächst heißt es also, weiterhin „online“ zu bleiben, um jeweils authentisch nachvollziehen zu können, was denn da wieder an unhinterfragten Phrasen, an Verdrehungen, an Framing und politischer Ideologie à la weiland DDR-Staatsfunk gesendet worden ist. (Und vor diesem Hintergrund – nur so nebenbei – regt man sich ausgerechnet im „Deutschlandfunk“ über die Putin`sche Des-Orientierungsstrategie auf, wo man doch selbst den „Kalten Krieg“ wieder kräftig – übrigens auch gegenüber relevanten Teilen der eigenen Bevölkerung – hat aufleben lassen.)

Nun denn: Da sitzt man nun sich abquälend und sich selbst ständig aufgrund der Wehrlosigkeit, die man empfindet, selbst zutiefst demütigend vor dem Bildschirm und müsste doch eigentlich nach kurzer Zeit schon wieder abschalten, denn das Schema der Entblödung, der Desinformation und des unkritischen Mainstreamsprech ist ja bestens bekannt! Und daran hat sich, wie man nach wenigen Minuten bereits ahnt, absolut rein gar nichts geändert. Außer: immerhin sind die ausgesiebten Publikumsclaqueure verschwunden. Covid-19 zeitigt auch klitzekleine Annehmlichkeiten.

Und eigentlich müsste man selbst für diese wenigen Minuten „Schmerzensgeld“ oder „Entschädigungszahlungen“ wegen Beleidigung des und allgemeiner Respektlosigkeit gegenüber dem Zuschauer einklagen können. Zumindest müsste man sofort jedwede Zahlungen für dieses, immer wieder nach dem gleichen inszenierten Schwachsinn ablaufenden Format einstellen dürfen. Ein Format, das da lautet:

„Journalistenschauspielerinnen fragen Politik-Darstellerinnen ohne Kritikfähigkeit und profunde Sachkenntnis“. Aber „hätte, hätte, Fahrradkette“ oder „hätte, könnte, sollte, müsste“ – man verfällt selbst schon in den ÖRM-Framing-Jargon. ÖRM wirkt! Das kann man nicht bestreiten!

Außerdem: was heißt das schon: „eigentlich“?! Dass man/ ich viel zu feige ist/ bin, wahrlich etwas wirklich Wirksames gegenüber diesem Kommunikationsstil zu unternehmen. Denn irgendwann in meiner Wut, die ausbrechen möchte, packt mich dann eben doch die Furcht vor den zu erwartenden, zermürbenden Auseinandersetzungen mit der Gebühren-Polizei und dem „Deutschen Wahrheitsministerium“ bzw. dem Bundesverfassungsgericht, das diesem Spuk ja noch vor gar nicht langer Zeit sozusagen als „Demokratieabgabe“ seinen ausdrücklichen(!) Segen erteilt hat. So bin und bleibe ich halt ein typischer (Bio-)Deutscher und kaufe mir vor der „Revolution“ lieber noch eine Bahnsteigkarte.

Und das, obwohl ich doch eigentlich schon längst im wahrsten Sinne des Wortes „über Gebühr“ für diese Anne-Sandra Illbergers und May-Britt Maischner-Wills gezahlt habe: nicht nur finanziell, sondern auch psychisch und vor allem mit dem Teilverlust kognitiver Fähigkeiten, den das ständige Framing bei mir ausgelöst hat. Irgendwann ermüdet man mal eben doch mal, immer zwischen den Zeilen lesen und die Aussagen auf ihren Realitäts- und Wahrheitsgehalt hinterfragen zu müssen.

Die klassische Propaganda der Totalitaristen weiß das schon lange: Niedrigschwellige Redundanz schlägt Intellekt!

„Deutschland im Ausnahmezustand…“, ARD 22.03.20, 22:00 Uhr

Und so kommt es, wie es kommen muss, dass mir nämlich Anne Will am Sonntagabend vorübergehend die Suppe hat verhageln können. Nur gut, dass ich mich glücklich schätzen darf, ansonsten in eine konstruktiv-liebevolle familiale Atmosphäre eingebettet zu sein. Sonst würde ich u.U. endgültig durchdrehen und aus dem Fenster springen. Denn der tiefere Sinn von „Anne Will“ („Deutschland im Ausnahmezustand…“, ARD 22.03.20, 22:00 Uhr), liegt ja nicht darin, einen weiteren, u.U. ohnehin schon eher überflüssigen Beitrag, den gefühlt 50ten an diesem 22. März, zur Corona-Krise zu leisten, sondern die Anne, auch als informelle Regierungssprecherin Merkels bezeichnet, zieht ihre Legitimation daraus, in „bester Neu-Tradition“ der ÖRM mit zu helfen, die Corona-Pandemie dazu zu nutzen, weiterhin vor allem drei politische Ziele hartnäckig zu verfolgen:

(1) Das Berliner Führungspersonal entscheidend mit zu bestimmen;

(2) die Monopolstellung als Regierungsfunk systematisch zu verteidigen; und

(3) die sich aufdrängenden sachlichen Zusammenhänge und kritische Fragen zur politischen Verantwortung für den Schlamassel über ein Format zu bändigen, das Offenheit vortäuscht und essentielle Fragen außen vor lässt.

Ziel (1): Steuerung politischer Personalentwicklung

Das ständig wiederkehrende Ziel (1) der ÖRM besteht am 22.03. darin, den NRW-Ministerpräsidenten Laschet, obwohl gar nicht anwesend, gleich zu Beginn der Sendung als aufrichtigen Gefolgsmann von „Mutti“ zu präsentieren. Sowas, nämlich die Anbiederung an Merkel, kommt immer gut an, und zudem sieht die ARD offenbar die Chancen Laschets, doch noch CDU-Vorsitzender und Kanzlerkandidat werden zu können – in der Corona-Krise faktisch entlarvt als aalglatter, wenig tatfreudiger Merkelianer – zunehmend davon schwimmen. Da muss die Brechstange angesetzt werden.

Und deshalb bedeutet das im Umgekehrschluss zwingend, den „frechen Söder“ aus Bayern, zugeschaltet aus München, noch bevor überhaupt Sachfragen angesprochen werden, soweit als möglich als unsolidarischen, machtgeilen „Macher“, der die Krise nur für seine schändlichen Ambitionen auszunutzen sucht, demontieren zu müssen. Das darf allerdings auch nicht zu dick aufgetragen sein, aber immerhin will, ja muss es Will – von ihren Auftraggeberinnen her dazu verdonnert – wie verkrampft auch immer versuchen.

Zu allem Ungemach aber zieht der Söder Markus seinen Kopf derart selbstbewusst aus der hinterhältig ausgelegten Schlinge, dass er dadurch sogar noch bestens punkten kann. Das lässt die Anne, die zwar will, aber nicht kann, ziemlich bescheiden aussehen. Na ja, es gibt sicherlich bald mal wieder eine bessere Gelegenheit, den Söder vorzuführen.

Aber im Moment: Welch ein Menetekel! Denn die Berlin-Hamburg-Kölner-Käseglocke der an sich ohnehin sichtbar immer überflüssiger werdenden saturierten deutschen „Eliten“ bekommt plötzlich sichtbarst Risse…

Ziel (2): Ungefiltert Regierungssprech verbreiten

Aber alles ist längst wieder im gewohnten Lot ganz nach dem Gusto des Regimes Merkel, wenn es um die Umsetzung von Ziel (2) geht: „Regierungssprech“ möglichst ungefiltert zu verbreiten. Denn hier kennt sich die Anne wieder bestens aus. Deshalb sitzt zu diesem Zweck ein weiterer Merkelianer, der Chef des Kanzleramtes, Helge Braun, in der vom Aufbau des Sessel-Stuhl-Kreises her betrachtet vorbildlich „distanzierten“ Runde. Wow: Der Mann hätte Merkel beinahe noch am vergangenen Freitag kurz vor dem vorbildlichen Antritt ihrer Quarantäne persönlich gesehen.

Bange Frage zwischendurch: bricht Deutschland jetzt doch noch zusammen, wo uns der strategische Kopf/ die strategische Oberkopfin der gesamten Systemeffizienz und des aktuellen Krisenmanagements fehlt (?!). Zurück zu wirklich Wichtigem: Denn wir erfahren, wie nahe der Helge der Kanzlerin doch steht – vor den Corona-Zeiten versteht sich – und welch ein Kaliber er damit also abgibt! Und so enttäuscht einen der Mann auch nicht! Das ist verschlagene Regierungskompetenz vom Feinsten, wortgewandte Umschiffung halbwegs kritischer Fragen und ein wahres Feuerwerk an „beruhigendem“ Ankündigungsmanagement: Statt „hätte, könnte, müsste, sollte“ ein entschieden vages „dürfte in den nächsten Tagen…“!

Noch irgendwelche Fragen zu der eigenen Verantwortung oder der der GroKo – etwa zur mangelnden Bevorratung mit Atemmasken i.S. des Katastrophenschutzes – für das offenkundig in den letzten Jahren absolut ineffiziente Krisenmanagement? Ach was! Da kann sich der Helge restlos auf Anne wie abgesprochen verlassen, denn Will will die gar nicht stellen. Den Rest kann man sich schenken, da man in diesen Tagen wesentlich Informativeres zum Regierungshandeln und dessen Motivation über Markus Söder, den Virologen Kekulé oder sogar über die Relotius-News von „SZ“ oder den „Spiegel“ erfährt. Und das will nun wahrlich etwas heißen.

Aber immerhin: Nach dem Patzer bei Ziel (1) ist Ziel (2) nun bestens abgearbeitet, Frau Will! Sie haben – wie das auch Ihre „Sprecherin“ (man höre!) gegenüber der Kritik an Ihrem Verhalten gegenüber dem Söder mit der üblichen Phrasendrescherei am Tag zwei nach der Ausstrahlung der Sendung festgestellt hat, Ihren Auftrag mal wieder bestens als „Kritische Journalistin“ erfüllt. Und deshalb sitzen Sie sicherlich noch ganz, ganz lange fest im Sattel. Großes Indianer-Ehrenwort von Tom Buhrow und dem Kanzleramt. Wie es das Präsidialamt sieht, weiß man dieser Tage leider nicht! Ist das überhaupt noch „online“ oder schon gänzlich in Selbstquarantäne versunken?

Ziel (3): Sachliche Aufklärung so wenig wie angesichts des Bildungsstands der ÖRM-Konsumenten möglich

Ziel (3) ist angesichts der komplexen, undurchsichtigen Gemengelage dieser schwierigen Tage zweifellos nicht ganz so einfach umzusetzen. Denn Will will an sich gar nicht groß über Sachfragen reden, das ist nun weiß Gott als ausgebildete „Politologin“ und damit „Fachschwester“ von so bemerkenswerten weiteren Vertreterinnen der Politologenzunft wie Frau „Dr.“ Giffey und Annalena Baerbock – was macht letztere eigentlich zur Zeit (?) – nun nicht ganz ihre Kommunikationsstärke. Sie muss aber aus Gründen legitimatorischer Mindeststandards leider immerhin so tun, als sei dies, eben die sachliche, kritisch reflektierte Information, das eigentliche Ziel der Sendung. Und so dürfen im dritten Teil ein paar (Alibi)-Persönlichkeiten zu Wort kommen, die einschlägig vom Fach sind. Denn (noch!) sind wir ja nicht bei „Russia Today“ oder „China Today“, versteht sich, obwohl die, so muss man fairer Weise feststellen, in der Planung ihrer politischen Formate wahrscheinlich eher besser aufgestellt sind als ARD und ZDF.

Eingeladen sind daher eine Virologin, eine Chefärztin und der Vorsitzende des Bundes Deutscher Kriminalbeamter. Man hätte auf Grund der weitreichenden Folgen der Mobilitätseinschränkungen und desaströsen Folgen der Pandemie sicherlich auch mal Sozialpsychologen einladen können, denn deren wissenschaftlichen Themenfelder – Ausgangskoller, häusliche Gewalt und andere Petitessen – werden ansonsten ohnehin immer nur kurz am Rande gestreift. Obwohl es diese „Alltagsprobleme“ an explosiver Aussagekraft absolut in sich haben, wie die Chefärztin Bernadett Erdmann nachweist. Aber bitte: wir sollten uns bei solchen Einwürfen nicht wirklich allzu lange aufhalten.

Aus dem gleichen Grund wird deshalb von Anne, die nicht will, selbstverständlich auch auf einschlägige Wirtschaftsfachleute in der „social distancing“-Runde verzichtet. Die würden u.U. angesichts der prognostizierten läppischen 750 Milliarden € als Verlustdividende, die uns der „Spaß“ einer uns schutzlos erwischenden Pandemie kosten wird, oder der Krisenausschüttung weiterer 1,2 Billionen vollkommen ungedeckter Euro durch die EZB nur Horrorszenarien verbreiten und die Bevölkerung u.U. komplett desillusionieren und de-motivieren.

Zudem: Wozu ist denn der Genosse Kanzleramtschef wohl eingeladen worden?! Und der weiß sehr wohl zu berichten, dass sich da bereits – wirtschaftlich und finanzpolitisch – Gewaltiges rührt: Der Vize-Olaf legt nämlich die „schwarze Null“ ad-acta und ein 156 Milliarden €-Programm auf; ja, und das heißt: dem Mittelstand wird selbstverständlich schwuppdiwupp geholfen. 9.000 € für die ersten drei Monate für einen Betrieb mit bis zu fünf Beschäftigten oder 15. 000 € Soforthilfe für die kleineren Mittelständler. Bitte jetzt nicht aus kleinlichen Gründen zum zweiten Mal den Taschenrechner bemühen und das auch noch die anfallende Kostenlawine konkret pro Kopf der Beschäftigten oder pro Betrieb ausrechnen wollen. Denn wichtig ist doch „dat Janze“: „Whatever it takes!“, Leute! So sieht schnelle unbürokratische Hilfe aus. Und deshalb bitte wieder ganz schnell zurück zu Gebieten, von denen alle meinen, etwas verstehen zu können.

Da ist zunächst die bereits erwähnte Bernadett Erdmann, ihres Zeichens Chefärztin in Wolfsburg, die sich offensichtlich vor einem Zusammenbruch zumindest ihrer lokalen medizinischen Versorgungsmöglichkeiten bzw. vor einem flächendeckenden „Systemkollaps“ fürchtet und daher mit ihrem Standpunkt – wie sich heraus stellt – eigentlich für das Niveau einer „Anne Will“-Sendung eine riskante Fehlbesetzung darstellt, da das banale „Konzept“ des „Wir schaffen das“ aus dem Ruder zu laufen droht. Die Irritation wird aber zum Glück durch gezielte Ignoranz der Moderatorin ziemlich schnell wieder eingefangen. Wozu die Leute auch beunruhigen? Na ja – und Wolfsburg!

Da möchte auch Sebastian Fiedler vom Bund Deutscher Kriminalbeamter nicht wirklich Kritik üben. Er stammt übrigens ebenfalls dem Laschet`schen Föderalstaat NRW, den manche Homeland nennen, und weiß selbstverständlich, was er so sagen darf. Das eignet sich doch zunächst mal das Geplänkel um Söder, oder! Denn der Söder Markus hat für ein paar Tage doch wahrlich den gesamten bundesdeutschen Sicherheitsapparat durcheinander gebracht mit seinem eigenmächtigen Vorpreschen. Der hätte deshalb warten müssen, bis alle, auch der selbst ernannte Kronprinz Laschet, verstanden haben, welche Dringlichkeiten eigentlich aktuell bestehen. Zudem: Hat sich der Söder mal ernsthaft gefragt, was das dann mit den Kollegen in NRW macht, die mehr als zwei Leute in ihrem Homeland auf der Straße sehen, wenn in Bayern ein hoch eingeschränktes Ausgehverbot angeordnet ist? Und außerdem: so etwas – also der Alleingang Bayerns – verschreckt doch nur die Leute noch mehr und schafft – böser, böser Markus! – doch nur „Politikverdrossenheit“.

Womit wir wieder eine Schleife rückwärts zum Sendeziel (1) registrieren dürfen. Hat nur noch die Aussage gefehlt, dass das alles dem Rechtsextremismus in die Karten spielt. Aber Vorsicht, nicht zu weit aus dem Fenster lehnen! Denn der Söder könnte doch eines Tages u.U. mal am längeren Hebel sitzen und dann wäre es aus mit der eigenen Medienpräsenz vorbei. Wäre ja zu schade!

Zudem hat der Mann, also der Fiedler, noch ein wirkliches Ass im Ärmel: Denn er schlägt vor, man müsste der Regierung „ein interdisziplinäres Gremium der `besten`(sic, Ve) Leute“ zur Seite stellen. Sowas liegt ganz auf dem Flachwasser-Niveau der Sendung und schließt nahtlos an so beliebte politische Forderungen von Bildungsfernen an wie: „Die da oben sollen sich mal vertragen und sich zum Wohle von uns kleinen Leuten zusammensetzen.“ Aber mit solchen Sätzen aus dem Tante-Emma-Laden weiland der 1960er Jahre kannst Du heutzutage in Deutschland wieder ziemlich gut punkten und empfiehlst Dich für Höheres.

Ach übrigens, um das gerade noch so in Erinnerung zu rufen: „Die Kollegen und Kolleginnen“ nicht nur aus NRW, die haben auch Anspruch auf Schutzausrüstung – da fehlt es an Atemmasken, Schutzkleidung, Desinfektionsmitteln usf. – und vor allem verdienen auch sie unseren Dank usf. Letzteres stimmt zweifellos. Aber wichtiger ist doch, dass der Herr Fiedler bitte schön das jetzt auch nicht als grundsätzliche Kritik am Krisenmanagement der Regierung verstanden wissen möchte. Deshalb braucht die Anne dann auch da wieder nicht weiter nachbohren. Hat der Kollege Kriminalkommissar vielleicht auch noch eine Frage zur Rechtsstaatlichkeit der Maßnahmen, denn ganz unumstritten ist das Ganze ja juristisch nicht? Hm! Nun gut: Für den Nachweis des kritischen Journalismus in der ARD reicht das allemal. Also ebenfalls abhaken!

Aufblitzen von ernsthafter Expertise – Ignorieren bitte

Dann gibt es noch die in diesen Tagen obligatorische Virologin (m/w/d). Diesen Part hat Frau Prof. Melanie Brinkmann von der TU Braunschweig übernommen. Die Kollegin Wissenschaftlerin ist ähnlich wie ihre Arzt-Kollegin aus Wolfsburg, Bernadett Erdmann, mit hoher Zuhör-Disziplin ausgestattet und sagt, bisweilen mal zu ihrer Meinung befragt, durchweg das, was man eh schon weiß. Aber dafür kann sie nun wirklich nichts, weil sie ja auch nicht mehr sagen soll. Eine Ausnahme gibt es bei einer Passage, wo das besondere Fachwissen von Frau Professorin – von der Moderatorin eher zufällig provoziert – aufblitzen darf. Es geht hier um die Einschätzung von Modellrechnungen zur Verbreitung der Covid-19-Infektionen, ihrer Geschwindigkeit und ihrer Konsequenzen. Nun ja, so Brinkmann, das Modell ist eben ein Modell, ein Anhaltspunkt, aber empirisch muss es so nicht unbedingt verlaufen. Was so viel heißt wie, dass wir im Moment noch einer weitgehenden Unkenntnis bzw. einem ergebnisoffenen Feldversuch ausgesetzt sind. Bei dieser überaus ernstzunehmenden Aussage der Expertin hätte man seriöser Weise schon eine gewisse Zeit lang verweilen können. Hätte z.B. durchaus neue Erkenntnisse und Entscheidungsszenarien erschließen können.

Aber andererseits, liebe Corona geplagten Volksgenossen, seien wir ehrlich: Das klingt doch nach wahrlich schwerer, nahezu unverdaulicher Kost!? Motiviert einen nun wirklich nicht besonders! Besser also, naiv zu bleiben und sich weiter durchwurschteln im neuen deutschen Solidargefühl, das alles so schön überstrahlt. Singen auf dem Balkon zum Beispiel hilft da eher weiter. Das findet Anne Will denn auch und erspart uns deshalb, groß über derart einschlägiges Expertenwissen nachdenken zu müssen. Danke Anne! Bitte lass es in diesen schweren Zeiten bei dem gewohnt tiefsten Aufklärungsniveau.

Wäre noch der Dokumentationspflicht halber nachzureichen: Für den Söder Markus aus Bayern, der nur kurz zugeschaltet war und nun zu seinem bayerischen Krisenmanagement zurück aus der Sendung entflohen ist und sich ausklickt – da hat er wahrlich recht, es gibt im Moment für jemanden wie ihn wirklich wichtigeres zu tun als sich von Anne Will anmachen zulassen; übrigens ist ja wegen Wichtigem auch der Laschet heute nicht da – wird noch ein weiterer bekennender „Merkelianer“, ein gewisser Tobias Hans, seines Zeichens Ministerpräsident des Saarlandes und damit noch nicht mal so mächtig wie Thomas Reiter als OB von München, in die Sendung hinein geschaltet. Das wäre dazu eigentlich die einzige wirklich wichtige Meldung. Aber gut: vielleicht auch hier noch erwähnenswert, dass man sich nach Hans im Grenzgebiet zu Frankreich im Sinne des europäischen Miteinander fleißig hilft. Hätte man nicht gedacht, wo die Franzosen ihre Infizierten aus Straßburg nach Südfrankreich doch auf Grund mangelnder Bettenkapazitäten auf den Intensivstationen haben ausfliegen lassen müssen. Und das, obwohl doch gleich nebenan am Rhein über die Brücke das „Ländle“ mit grün-schwarzer Verantwortungsgemeinschaft liegt. Da kenne sich eine(r) noch aus.

Was tun?

Leute, da weiß man am Ende solcher Sendungen, dass da auf uns, die #wir dabei sind, noch ganz viel Ungereimtheiten zukommen werden. Denn die propagandistischen Lieferketten der GEZ-Framing-Industrie ÖRM haben gerade erst so richtig Fahrt aufgenommen. Es entpuppt sich als absoluter Trugschluss, die ganze (!) Gesellschaft stehe still. Das gilt nur für deren wirtschaftlichen Teil und die dortigen Malocher, die jetzt sehen dürfen, wie sie über die Runden kommen. Oh, da werden die noch lange mit beschäftigt sein.

Und die, deren Gehälter, Pensionen und Diäten erst einmal unbeeindruckt von Covid-19 weiterlaufen, helfen ihnen, das ganze Drama zumindest ideologisch „richtig“ einzuordnen. Ist das nicht eine wunderbare Arbeitsteilung? Und da die öko-sozialistische Indoktrination in KiTas, Grundschulen, Gesamtschulen und Gymnasien (siehe Peter Helmes zum „Grünsprech“) bedauerlicher Weise erst einmal auf Null heruntergefahren worden ist, verspürt die ARD selbstverständlich die erhöhte Verantwortung, den ideologischen Kompass jetzt erst recht so richtig vorzugeben und die entstandenen Ausfälle weitestgehend zu kompensieren. Dazu muss das Niveau der saturierten Phrasendrescher und Phrasendrescherinnen schrittweise weiter abgesenkt werden. Bei „Hart aber fair“ sind diese Veränderungen schon sichtbar geworden (faz.net vom 24.03.20).

Man wird sich „Anne Will“ und verwandte Formate leider weiter antun müssen. Wie gesagt: der Gegner, der Feind will studiert sein. Allerdings sollten wir zukünftig auch mehr und mehr bedenken, dass wir mit Ironie, solider Analyse, fundierter Entlarvung der handelnden Personen und dem Aufzeigen der wirklich relevanten Herausforderungen für unser Gemeinwesen, für unserer individuelle Freiheit und unser aller Wohlfahrt im Rahmen dieser sich zunehmend verfestigenden „gelenkten Demokratie“ des Regimes M allein nicht sehr erfolgreich sein werden. Die anderen sind mehr, sie verfügen über mehr Information und sie können vor allem ein wesentliches Mehr an Finanzen mobilisieren.

„Whatever it takes!“ – das darf deshalb nicht nur für die Lagardes, die Wills, die Restles, die Maas`, die Habecks, die Scholz`, die Merkelianer oder die Böhmermanns, die Horx`, die Zilks oder die Welkes gelten. Es heißt immer nachhaltiger, die Ärmel hoch zu krempeln!

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* Zum Autor:
Hans-Rolf Vetter, Univ.-Prof. i.R. Dr., Jahrgang 1943, Leonberg/BW, Forschungsschwerpunkte: Wissenschaftliche Sozialpolitik, Moderne Erwerbsbiographien, Soziale Systeme und Mediation. Mehr unter: hans-rolf vetter.com
www.conservo.wordpress.com       27.03.2020
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