Michael van Laack

Die Zahl der Katholiken, die sich nicht mehr mit der Lehre ihrer Kirche identifizieren können, ist zwar in den vergangenen Jahren nicht dramatisch gestiegen. Doch als unbeteiligter Beobachter könnte man den Eindruck gewinnen, es sei so. Denn seit geraumer Zeit gerieren und positionieren sich – ich sage das so offen und drastisch, wie ich es empfinde – die Feinde der Kirche mit und ohne Klerikergewand immer lauter und radikaler. Sie suchen und erreichen dabei den Schulterschluss mit den christenfeindlichen Leitmedien.

Hier und dort wird tatsächlich oder auch nur vermutbar Belastendes aus den Akten der Generalvikariate durchgestochen und der in der Tat widerwärtige sexuelle Missbrauch  instrumentalisiert, um die Verfassung der Kirche im Ganzen zu erschüttern. Sie reden von Reformen, doch sie meinen Revolution.

Protestantisierungsversuche so alt wie Luther

Zu allen Zeiten seit Dr. Martin Luthers Erscheinen auf der Bühne der Kirchen- und Weltgeschichte hat es Versuche gegeben, dem Leib der Kirche protestantische Theologie zu injizieren. Zunächst gab nur kurzzeitige Erfolge, als deren zwei Höhepunkte im 19. Jahrhundert man Georg Hermes und Ignaz von Döllinger nennen kann. Doch blieb deren Wirken regional oder national begrenzt und diese Sterne für eine “gerechtere” Kirche in urkichlicher Tradition starben in der Apostasie oder doch zumindest außerhalb der katholischen Kirche, die sie erneuern wollten.

Erst mit der Fake-Rezeption (denn sie hat Geist und Wort der Dokumente oft missachtet oder gar irenistisch verdreht) des II. Vatikanische Konzil, welches von 1962-1965 stattfand, gelang es vor allem in den Ländern Westeuropas und Teilen der USA, Ab Mitter der 70er-Jahre “Ökumene” zum theologischen Kampfbegriff aufzublasen und zunehmend mit protestantischen Inhalten zu füllen. Gleichzeitig schwappte die marxistische Befreiungstheologie Mitte nach Deutschland und goss sozialistische Ideen, die eher mit Bultmann und der sogenannten Friedenstheologie der Protestanten kompatibel waren als mit der katholischen Soziallehre der Päpste seit Leo XIII. (Papst von 1878-1903), in die Köpfe des Klerus und dann in jene der Gläubigen.

Steter Tropfen höhlt den Stein

Mangelnde Kompatibilität hin oder her: Was nicht passend ist, lässt sich bekanntlich passend machen. Und so wurde vor allem die deutsche Priesterschaft über die Professoren an den Fakultäten peu à peu mit radikaler Bibelkritik, befreiungstheologischen Ansätzen und protestantischen Lebenswirklichkeiten vertraut gemacht, bis mehrere Priester- und Laiengenerationen diese Ideen derart verinnerlicht hatten, dass ihnen gar nicht mehr in den Sinn kam, es sei nicht römisch-katholische Lehre, die sie leben und vertreten.

Der Nährboden war bereitet, die Saat konnte aufgehen. Mit “Wir sind Kirche” – einer Vereinigung, die schon kurz nach ihrer Gründung 1995 aus einem bunten Sammelsurium von Protestanten, Katholiken und sogar Atheisten bestand – und ihrem sogenannten “Kirchenvolks-Begehren” (dass 1,8 Millionen allerdings nie verifizierte Unterschriften erhielt), begann der offene Kampf gegen den Zölibat, die Priesterweihe der Frau, das Sakrament der Ehe und den Primat des Papstes. Wirkungsgeschichtlich einen ersten Höhepunkt erreichte die schleichende Protestantisierung ab Ende 1998 während der Auseinandersetzung einiger deutscher Bischöfe mit Papst Johannes Paul II. in der Frage des Beratungsscheins zur straffreien Abtreibung.

Die Ruhe vor dem Sturm und der Missbrauchs-Orkan

Danach sahen wir eineinhalb Jahrzehnte des vermeintlichen Stillstands. Eine trügerische Ruhe, die seit knapp drei Jahren endgültig beendet ist. Der gruselige sexuelle Missbrauch durch verachtenswerte Kleriker und kirchliche Laienmitarbeiter wurde zur Initialzündung. Jene, die seit vielen Jahren leiser geworden waren, sahen endlich die Stunde gekommen, die Verfassung der Kirche zu zerstören. Scheinheilig wurde deshalb die nicht einmal halboffiziell zu Entscheidungen legitimierte aber mittlerweile in der Medienöffentlichkeit als höchste deutsche Instanz in Glaubens- und Strukturfragen gehandelte Institution “Synodaler Weg” gegründet, um sich primär mit den Folgen des Missbrauchsskandals zu befassen.

Fakt aber ist, dass dieser Skandal nur ein höchstwillkommener Anlass war, die Umsturzgelüste mehrerer deutscher Bischöfe (Marx, Bätzing, Overbeck usw.) in die Tat umzusetzen. Über das Stellen der Machtfrage wurde faktisch die komplette Lehre der Kirche zur Disposition gestellt: Neben den obligatorischen Ärgernissen für maskierte Protestanten im katholischen Gewand (Zölibat, Priesterweihe der Frau, wiederverheiratete Geschiedene, päpstlicher Primat) und anderen Strukturfragen geht es hauptsächlich um grundlegende Änderungen der Sexualmoral. Und hier ganz zentral um Homosexuelle und alle anderen 541 Geschlechter, um Gender Mainstream und “Rechte” der LGBTIQusw.-Bewegung.

LGBTIQusw. will von den „Heten“ verehrt werden

Das Reden von “Rechten” meint allerdings keineswegs nur gleichberechtigten Zugang zu Weiheämtern, Laienmitarbeiter gemäß der kirchlichen Grundordnung und die “Aufweichung” des Sakrament der Ehe. Es meint – wie von den Medien in die Gesamtgesellschaft getragen – dem Wunsch der eitlen homosexuellen Diven im Ordens-, Priester- oder Ordensgewand, ihnen überdurchschnittliche Hochachtung für ihren Mut entgegenzubringen. Nicht Gleichstellung, sondern an Verehrung grenzende tiefste Dankbarkeit für die “Tatsache”, dass durch Outing queerer Personen im kirchlichen Raum endlich die ganze Botschaft des Evangeliums freigelegt ist und von den Heten-Christen erschlossen werden kann.

Eine dieser Diven – der sich nicht offiziell geoutet hat, weil ihn das immer noch seinen Job (eine Berufung hat er schon lange nicht mehr) kosten würde – ist Dr. Dr. Wolfgang Rothe. Katholischer Priester, ausgewiesener Whisky-Experte und Queer-Liebhaber. Ein Mann, der fast täglich in seinen Tweets zeigt, wie er sehr er seine eigene Kirche in ihrer aktuellen Lehr-Verfasstheit verachtet und dem augenscheinlich vor einiger Zeit das von der LGBTI missbräuchlich adaptierte christliche Zeichen des Regenbogens in Form der bunten Flagge im Traum erschienen ist und eine Stimme, die er versehentlich für jene Gottes hielt, ihm zuraunte: “In hoc signo vinces”. In diesem Zeichen wirst Du siegen.

An diese Verheißung glaubt er und sieht sich deshalb als Bannerträger einer neuen Zeit, einer neuen Kirche, einer zur Homosexualität befreiten Kirche, einer Kirche, in der die sexuelle Orientierung und die politische Gesinnung mehr als jemals zuvor über Karrieren entscheiden werden.

Die Krise der Kirche ist eine Krise der Bischöfe

Dass Dr. Dr. Rothe als römisch-katholischer Priester über einen so langen Zeitraum redundant und verbal teilweise aggressiv die Lehre der Kirche in zentralen Fragen nicht nur negieren sondern LGBTI-Propaganda betreiben durfte und darf (Propaganda für eine sektenartige Bewegung, die – liest man die Artikel auf ihrer Zentralplattform queer.de – zutiefst christenfeindlich ist mit einer Tendenz zum atheistischen Sozialismus und einer fast sträflichen Islamophilie), zeigt deutlich, dass die Krise der Bischöfe in Deutschland bereits so manifest ist und sie sich derartig vor den Leitmedien (mit denen Pseudo-Katholiken wie Rothe schon lange den Schulterschluss geübt haben) fürchten, dass man es vermutlich nicht einmal wagen dürfte, ihn zu laisieren, wenn er dem Erzbischof von München und Freising zur besten Sendezeit öffentlich einen Leberhaken verpassen würde.

Die Zeichen der Zeit selbst auf die Leinwand gemalt

Die römisch-katholische Kirche Deutschlands hat fertig. Das erweist sich selbstverständlich nicht nur am Beispiel Rothe, aber hier glasklar. Der Wille, die Lehre der Kirche durchzusetzen, fehlt mittlerweile fast flächendeckend. Die Martyrer aller Zeiten, die um ihres Glaubens und der Verteidigung der Kirche willen gestorben sind, würden unter diesen elenden Gestalten keine Gefährten oder Nachahmer finden; denn selbst Judas hatte mehr Ehrgefühl im Leib als diese Apostel des Zeitgeists.

“Ein Reich, das in sich uneins ist, zerfällt.”, lesen wir in der Bibel. Menschen wie Rothe treiben die Spaltung voran. Streit und Spannung ist ihr Lebenselixier. Auch wenn sie anderes vorgeben, kämpfen sie am Ende primär für die eigenen Interessen. Wenn sie Gott im Munde führen, meinen sie letztendlich immer nur sich selbst. Denn der Geist, von dem sie sich vor der Öffentlichkeit immer wieder als inspiriert bezeichnen, ist nicht jener, der an Pfingsten in Flammenzungen auf die Erde kam. Es ist einer, den sie sich selbst zusammengebraut und (gegenseitig) eingegossen haben.

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